Nach tödlicher Attacke auf Zugbegleiter: Deutsche Bahn setzt auf Bodycams, Schutzwesten und KI
Mehr Sicherheit für Bahnmitarbeiter: Nach dem Tod des Zugbegleiters Serkan C. kündigt die Deutsche Bahn umfassende Maßnahmen an. Bodycams, stichfeste Schutzwesten, zusätzliche Sicherheitskräfte und sogar KI sollen künftig Gewalt in Zügen verhindern.
6/8/20263 min read
Die Deutsche Bahn reagiert auf die zunehmende Gewalt gegen ihre Beschäftigten mit einem umfangreichen Sicherheitsprogramm. Auslöser ist unter anderem der Tod des 36-jährigen Zugbegleiters Serkan C., der Anfang Februar bei einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalzug schwer verletzt wurde und wenig später seinen Verletzungen erlag. Der Fall löste bundesweit Entsetzen aus und führte zu einer intensiven Debatte über den Schutz von Bahnmitarbeitern.
Nun hat die Bahn weitere Maßnahmen vorgestellt, die das Personal in Zügen und an Bahnhöfen besser schützen sollen. Dazu gehören der verstärkte Einsatz von Bodycams, ein Test mit stichfesten Schutzwesten, mehr Sicherheitsbegleiter sowie moderne Technologien auf Basis künstlicher Intelligenz.
Bodycams sollen Standard werden
Bereits heute sind zahlreiche Kundenbetreuer und Zugbegleiter mit Bodycams ausgestattet. Nach Angaben der Bahn nutzen inzwischen rund 1.750 Beschäftigte die Kameras. Das Unternehmen plant, die Zahl weiter zu erhöhen und möglichst viele Mitarbeiter im Kundenkontakt entsprechend auszurüsten.
Die Kameras sollen vor allem deeskalierend wirken. Erfahrungen aus bisherigen Einsätzen zeigen laut Bahn, dass Konflikte häufig entschärft werden können, sobald aggressive Personen bemerken, dass eine Kamera vorhanden ist. Gleichzeitig liefern die Aufnahmen wichtige Beweise, falls es doch zu Übergriffen kommt.
Bis zum Sommer sollen alle Beschäftigten mit Kundenkontakt eine verpflichtende Schulung erhalten. Dabei geht es sowohl um den Umgang mit der Technik als auch um Deeskalation und Selbstschutz in Gefahrensituationen.
Schutzwesten im Praxistest
Zusätzlich startet die Bahn ab Juli einen Testlauf mit stichfesten Schutzwesten. Die Westen sollen zunächst von ausgewählten Kundenbetreuern getragen werden. Ziel ist es herauszufinden, ob die Schutzausrüstung im Arbeitsalltag praktikabel ist und einen wirksamen zusätzlichen Schutz bieten kann.
Die Einführung solcher Westen war nach dem tödlichen Angriff auf Serkan C. verstärkt diskutiert worden. Gewerkschaften und Beschäftigtenvertreter hatten wiederholt gefordert, das Bahnpersonal besser vor körperlichen Angriffen zu schützen.
Mehr Personal in kritischen Situationen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der personellen Absicherung. Künftig sollen Zugbegleiter häufiger nicht mehr allein unterwegs sein. Stattdessen sollen vermehrt Doppelbesetzungen oder Begleitungen durch Sicherheitskräfte zum Einsatz kommen.
Nach Angaben der Bahn haben entsprechende Pilotprojekte gezeigt, dass sich Konflikte deutlich besser bewältigen lassen, wenn mehrere Mitarbeiter gemeinsam auftreten. Auch potenzielle Täter würden dadurch eher abgeschreckt.
KI soll Gefahren frühzeitig erkennen
Neben klassischer Schutzausrüstung setzt die Bahn zunehmend auf moderne Technologie. In einem Pilotprojekt wird derzeit geprüft, wie künstliche Intelligenz bei der Erkennung von Gefahrensituationen helfen kann.
Dabei werden Videoaufnahmen aus Zügen in Echtzeit analysiert. Die KI soll auffällige Situationen wie aggressive Auseinandersetzungen, Bedrohungen oder andere sicherheitsrelevante Vorfälle erkennen und automatisch an eine Leitstelle melden. Dort könnten Mitarbeiter schneller reagieren und gegebenenfalls Sicherheitskräfte oder Polizei alarmieren.
Die Bahn erhofft sich dadurch eine frühere Erkennung von Eskalationen und ein schnelleres Eingreifen in kritischen Situationen.
Gewalt gegen Bahnpersonal nimmt zu
Die Maßnahmen kommen nicht ohne Grund. Nach Angaben der Bahn und verschiedener Branchenverbände ist die Zahl der Übergriffe auf Beschäftigte in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Täglich kommt es bundesweit zu mehreren körperlichen oder verbalen Angriffen auf Mitarbeiter im Bahnverkehr.
Besonders betroffen sind Zugbegleiter im Regionalverkehr, da sie regelmäßig Fahrkarten kontrollieren und direkt mit Fahrgästen in Konfliktsituationen geraten können. Gewerkschaften weisen seit Jahren darauf hin, dass viele Beschäftigte ihre Arbeit zunehmend als unsicher empfinden.
Der Fall Serkan C. löste bundesweite Debatte aus
Der Tod von Serkan C. brachte die Diskussion schließlich auf eine neue Ebene. Der Familienvater war während einer Ticketkontrolle von einem Fahrgast angegriffen worden. Die schweren Kopfverletzungen führten später zu seinem Tod. Gegen den mutmaßlichen Täter wurde inzwischen Anklage erhoben.
Für viele Beschäftigte der Bahn wurde der Fall zum Symbol für die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Mitarbeitern des öffentlichen Verkehrs. Mit den nun vorgestellten Maßnahmen will die Deutsche Bahn deutlich machen, dass Sicherheit künftig einen höheren Stellenwert erhalten soll.
Ob Bodycams, Schutzwesten, zusätzliche Sicherheitskräfte und KI-Systeme langfristig zu weniger Übergriffen führen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Bahn kündigte jedoch an, die Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen regelmäßig zu überprüfen und das Sicherheitskonzept bei Bedarf weiter auszubauen.